Alles kalter Kaffee

Auf dem Stadthallenvorplatz schlendern Cottbuser mit Rollator an Marktständen vorbei. “Gewürze frisch aus der Mühle”, “Honig von Lausitzer Bienen” lese ich zum fünfzigsten Mal durch die Fensterscheibe des Cafés, in dem ich sitze. Ich gääähne. Mein Po tut weh, obwohl ich ständig hin- und herrutsche. Dabei sahen die Stühle am Morgen noch so bequem aus.

Sieben Stunden zuvor. Meine Info: Ein prominenter Restauranttester soll in der Mittagszeit in einem Cottbuser Lokal aufkreuzen. Das muss ins Blatt, so was interessiert die Leute. Ich löse auf dem Postparkplatz ein Parkticket für zwei Stunden, dann setze ich mich wie ein cleverer Undercover-Journalist ins Restaurant und bestelle einen Milchkaffee. Dass ich von der lokalen Tageszeitung bin, erraten die hier nie. Vorsichtshalber lese ich statt der LR den Spiegel.

Nach drei Stunden und drei Kaffee schauen mich die Kellnerinnen trotzdem zunehmend irritiert an. Das nötigt mich zu einer Tomatensuppe. Zur Sicherheit rufe ich vom Klo aus meine Informantin an: “Er kommt noch, definitiv. Steckt irgendwo im Zug fest.” Und ich nach sechs Stunden noch immer im Restaurant. Jetzt erst recht, denke ich, und kneife die Backen zusammen.

Eineinhalb Stunden später ist es aus mit der Motivation. Nie unbequemere Stühle gesehen. Und der verdammte Testfritze, wenn ich dem noch begegne. Die Kellnerin – mittlerweile die dritte, die mir Kaffee serviert – schaut mich in einer Mischung aus Mitleid und Schadenfreude an. Nein, mich hat kein Kerl versetzt, würde ich sie am Liebsten anzicken. Um meinen verspannten Rücken wieder zu richten, darf ich jetzt zwei Stunden joggen – danke.

Entnervt zockel ich von dannen. An meinem Auto klemmt eine Nachricht. Ob der Testmensch mir so unkonventionell einen Tipp für den nächsten verkorksten Termin geben will? Nein, stattdessen hat es die “Überwachungskraft 022″ gut mit mir gemeint. Wer statt zwei erlaubten ganze sieben Stunden bei der Post parkt, hat schließlich einen Denkzettel in Höhe von 25 Euro verdient.

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6 Antworten auf Alles kalter Kaffee

  1. Respekt Frau Leyendecker! Eine tolle Geschichte. Siebeneinhalb Stunden im Lokal-das ist Extremsport. Vielleicht hättest du den Restauranttest übernehmen sollen. Wie war der Kaffee und die Tomatensuppe?
    Undercover ist für mich mittlerweile schwierig. Ich werde sogar in abgelegenen Orten wie Waldow mit Herr Klinkmüller angesprochen. Dabei wollte ich einen Bauern nur nach dem rechten Weg fragen. Erschrecke dann immer innerlich, weil man sich gar nicht so bewusst ist, dass dich die Leute vom Foto her kennen. Bräuchte also einen Bart und Hornbrille. Weiß nicht, ob ich dein Sitzfleisch gehabt hätte.

  2. AnnaMH sagt:

    Vielleicht hat der Bauer dir einfach auf gut Glück den gängigsten Namen der Region entgegen geworfen – und ins Schwarze getroffen. (;

    Kaffee und Suppe in Ordnung. Aber: ich habe vier Mal die Tagesmucke-Dauerschleife ertragen müssen. Höhepunkt immer wieder: Ti amo.

    PS.: Frau Leyendecker?

  3. Au, das hätte meine Schwiegermutter gefreut. Die ist ein Riesen Carpendale-Fan. Jetzt hast du mir einen Ohrwurm ins Ohr gesetzt. Zur Strafe: “Du bist wundervoll, wenn du lachst, weil du weinst…” Das mit der Dauerschleife kenne ich von meiner Arbeit in der Kaufland-Getränkeabteilung.
    Hans Leyendecker ist der berühmteste Enthüllungsjournalist im Lande und sein Name fällt daher per se oft immer dann, wenn von investigativem Journalismus die Rede ist.

  4. doreenhotzan sagt:

    Sorry nochmal, dass du so lange in dem Restaurant ausharren musstest. Und als Dank für die ganze Warterei hast du sogar noch einen Strafzettel kassiert? Übernimmt die Kosten die LR ;-)?

  5. anjaguhlan sagt:

    Tolle Story. Vielleicht hättest Du Deine Undercover-Geschichte ins Blatt heben sollen statt den mysteriösen Restauranttester. Oder zumindest ein “Übrigens” draus stricken können.

  6. AnnaMH sagt:

    Ja, aber Yps geht mir immer nur leicht von der Hand, wenn ich einfach drauf los schreibe. Sobald mir jemand sagt: So, du schreibst jetzt ein Yps, ist alles im …Eimer.

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