Die letzte Archivarin

Mikrofiche-Lesegerät

Ein kleiner Rest ist noch da, im dritten Stock des Pressehauses. Regale voller Mikrofilme, Karteikarten, alter Zeitungen – und eine Archivarin. Sie ist die einzige die blieb von sieben Kollegen. Drei Stunden in der Woche arbeitet sie hier, bald wird auch das enden. Die Rundschau löst ihr Archiv auf.

Eine verstaubte Kammer ohne Bezug zur Realität – das verbinden viele Menschen mit Archiven. Dabei stecken Zeitgeschichte und Wissen aus Jahrzehnten in den Räumen. Jede Ausgabe haben die Archivare seit 1946, dem Geburtsjahr der LR,  aufbewahrt.

Akribische Zeitungslektüre war für sie Pflicht. Die Archivare entschieden in Konferenzen, welche Beiträge es in eines der Regale schaffen sollten. Dann schnippelten die Kollegen das Wichtigste aus, klebten es in Miniatur auf Karten, chiffrierten diese mit komplexen Codes. Das DDR-Regime legte solche Kürzel für jeden Suchbegriff fest. Ob “Kartoffel”, “Berlin” oder “Nasenhaar” – Buchstabenreihen ohne jeden Zusammenhang sollten Ordnung schaffen. Die letzte Archivarin lächelt beim Gedanken daran. Sie brauchte fünf Jahre, um all die Codes auswendig zu lernen. So war sie viele Jahre lang Wikipedia, google und Elias in einem.

Wenn sie geht, bleiben nur die Computer.

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Eine Antwort auf Die letzte Archivarin

  1. obmann sagt:

    Da ist Ihre Zeitung ja ganz schön nachlässig – und vor allem unklug!
    Lebt nicht der “Spiegel” geradezu von seinem Archiv?
    So toll wird das Archiv nicht sein von der LR, aber doch immerhin das einzig eigene: Das ist ja wie Geschichtsverlust!
    Wundert mich, dass die LR sich das erlaubt!
    Wohin soll diese Zeitung denn rundschauen, wenn es keine Abrundung in die Vergangenheit mehr gibt? Oder hat sie Angst vor der eigenen Vergangenheit, vielleicht vor der aus der DDR-Zeit? Oder habe ich da etwas missverstanden?
    Gute Nacht!

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