Du sollst dich nicht gemein machen

Wir LR-Volos diskutieren derzeit eine Grundregel des Journalismus: Du sollst dich mit keiner Sache gemein machen. Das heißt, dass Journalisten objektiv und ausgewogen berichten, sich auf keine Seite schlagen. Wie weit dieser Grundsatz greift, darüber gehen in unseren Reihen die Meinungen auseinander.

Anlass ist der 15. Februar, an dem jährlich rechte Demonstranten durch Cottbus ziehen und an die Bombardierung Deutschlands durch die Alliierten erinnern. Juliane und ich möchten das Thema dieses Jahr im Vorhinein verstärkt bearbeiten. Glossen, Berichte, Kommentare für den Blog sind angedacht, außerdem Kurzfilme. Wieso sind im vergangenen Jahr gegen die etwa 300 rechten Querköppe nur gut 1000 Cottbuser auf die Straßen gegangen?

Manche Kollegen warnen: Macht euch nicht zum Sprachrohr, bleibt objektiv. Wir fragen: Darf eine Tageszeitung (bzw. wir als Volos der LR) in solchen Fragen nicht klar Stellung beziehen? Einige Kollegen sagen, es sei sowieso klar, dass wir gegen rechts sind. Wir fragen: Wie kann das klar sein, wenn wir es nicht deutlich aussprechen?

Darf ich mich als Journalistin nicht nur privat, sondern auch beruflich gegen Rechts aussprechen und das in meine Arbeit einbringen?

Dieser Beitrag wurde unter Nazis raus, Recherche, Redaktion abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Warning: Missing argument 2 for wpdb::prepare(), called in /kunden/221893_03050/webseiten/blogs/wp-content/plugins/buddypress/bp-core/bp-core-filters.php on line 111 and defined in /kunden/221893_03050/webseiten/blogs/wp-includes/wp-db.php on line 1198

9 Antworten auf Du sollst dich nicht gemein machen

  1. obmann sagt:

    Zitat von Martin Niemöller dazu:
    „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
    Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
    Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.
    Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
    ————————————————————————————————–
    Wenn ihr objektiv berichten könnt, was Neonazis fordern und tun, wieso macht ihr euch dann “gemein”? Was solltet ihr denn sonst berichten?

  2. moncaí sagt:

    Die Frage stellt sich doch nur, wenn man der Auffassung ist, dass Faschismus, Sexismus, Rassismus und Antisemitismus wirklich Meinungen sind, die irgendeine vernünftige, objektive Grundlage besitzen. Ich für meinen Teil erkenne darin keinerlei Ansatz des aufklärerischen-humanistischen Denkens, auf dem unsere Gesellschaft, unser Rechtssystem und unsere Werte gründen. Von daher ist es sogar die Pflicht eines Journalisten diesen Stumpfsinn immer wieder anzuprangern und zu bekämpfen. Man schlägt sich auf keine Seite, wenn man Lügen aufdeckt und gegen unmenschliches Denken und Handeln einsteht.

  3. Mein Traum bleibt, dass es eine Nazi-Demo gibt und niemand am Straßenrand steht. Sie müssten durch menschenleere Straßen laufen. So bekommen die immer wieder die Aufmerksamkeit, die sie suchen. Das soll nicht heißen, dass den Nazis die Straße überlassen wird, wer dort lang geht, sollte eben einfach die Nazis mit Ignoranz bestrafen und weiterlaufen und nicht noch stehenbleiben und Aufmerksamkeit zollen. Stattdessen könnte man zur Zeit der Demo in der Stadt, von der Demo entfernt, ein buntes Fest der Toleranz feiern. Mit lauter Musik und Tanz. Wer für Toleranz ist, ist auch automatisch gegen rechts. Von daher finde ich es wichtiger, sich für etwas, als sich gegen etwas zu bekennen. Denn sonst baut man feindliche Gräben auf. Ziel ist es doch, auch Nazis zu toleranten Menschen zu machen. Viele sind es innerlich vielleicht auch, aber sie haben eben Spaß an der Kraftprotzerei und fühlen sich groß und stark, wenn sie so viel Aufmerksamkeit bekommen.

  4. Anna MH sagt:

    Nazis zu toleranten Menschen machen – das wäre schön, klingt aber ein wenig naiv. Zumal sie bestimmt nicht ihre moralische Seite entdecken, indem ihnen auf der Straße niemand mehr widerspricht.

    Zurück zum Kern des Beitrags: Vor Kurzem habe ich in den Tagesthemen einen Beitrag zum Thema gesehen, der sich in der Anmoderation klar gegen Rechts gestellt hat. Warum machen wir als LR das nicht auch so deutlich?

  5. Das mag naiv sein, aber ich glaube, dass die meisten Nazis nicht Nazis sind, weil sie Ausländer so hassen, sondern weil sie sich in der Gruppe stark und mächtig fühlen – ähnlich wie bei den Rockerbanden. Ist doch schon eigenartig, dass es die meisten Nazis gerade dort gibt, wo die wenigsten Ausländer wohnen. Und ich bleibe dabei: gegen Nazis zu sein ist doch eine Selbstverständlichkeit sowohl für eine Stadt als auch für eine Tageszeitung. Es gibt ja auch andere wichtige Themen. So könnten in Cottbus auch Schilder hängen wie: Ich bin dagegen, dass Eltern sich nicht um ihre Kinder kümmern oder Ich bin dagegen, dass Frauen von ihren Männern geschlagen werden oder Ich bin dagegen, dass Tiere gequält werden oder Ich bin dagegen, dass man Schwule diskriminiert… So viele Mäste wie man Schilder braucht, gibt es wahrscheinlich gar nicht. All diese Dagegens sind für einen normal tickenden Menschen selbstverständlich. Dann müsste sich die LR auch hier zu jedem einzelnen Thema positionieren. Wenn jetzt eine Zeitung sagt: “Wir sind gegen rechts!”, dann würde ich als Leser denken: Ist doch klar. Davon gehe ich aus. Für mich wäre das eine inhaltlose Nullmeldung.

  6. Eine Objektivität gegenüber Nazis zu bewahren, ist natürlich als Journalist so schwierig, wie wenn ein überzeugter Vegetarier-Redakteur eine Lobrede auf den Metzgermeister des Jahres verfassen und halten soll.

  7. Anna MH sagt:

    Falls eines Tages Homophobe in Cottbus für ihre Intoleranz demonstrieren oder Männer sich öffentlich brüsten, ihre Frauen zu schlagen, gehe ich dagegen auch auf die Straße und erwarte von meiner Zeitung eine klare Positionierung. Das wird aber kaum passieren. Nazis hingegen versuchen immer wieder, unter Deckmänteln wie “Gedenk”-Tagen politische Meinungsmache zu betreiben – zum Beispiel mit der Demo am 15.2. in Cottbus. Die Öffentlichkeit muss sich da ein klares “Nein” leisten – auch und vor allem eine Tageszeitung.

    (Metzger könnten sich über deinen Vergleich mit Nazis übrigens ärgern…)

  8. Der Metzger-Vergleich bezog sich selbstverständlich nicht auf die Nazis Anna sondern auf die Objektivität von Journalisten. Jeder Mensch hat seine Meinung – auch Journalisten. Trotzdem sollte es für einen Profi möglich sein, einen möglichst objektiven Artikel über einen Metzger zu schreiben, auch wenn man selbst keine Würste isst. Mehr wollte ich nicht sagen. Und was die Demos anbelangt, so ändern Worte nix ( wäre doch auch naiv zu glauben). Niemand wird als Nazi geboren. Statt Worte für teuer Geld auf Plakate zu drucken, sollte man das Geld lieber richtig investieren. Ich finde es gut, dass Frau Dr. Münch am Mi ihr Gesicht zeigt, aber ich finde es traurig, dass es die Landesregierung nicht geschafft hat, etwa Geld für einen Sozialarbeiter an der Forster Oberschule bereitzustellen. Und das für eine Schule die auch Kinder aus Lybien und anderen Brennpunkten in der Welt aufgenommen hat. Da musste der Bund für die Finanzierung einspringen, sonst wäre die Sozialarbeiterin weg gewesen. Und dann werden auch noch die Turnhallengebühren teurer, wo jeder weiß, wie wichtig Sport für die Entwicklung junger Menschen ist. Worte und Taten passen eben nicht zusammen. Wer die Köpfe von jungen Menschen nazifrei halten will, muss dafür auch Geld investieren. Mir kommt das alles jetzt sehr oberflächlich und werbehaft daher.

  9. Blaumeise sagt:

    Es sollte immer bedacht werden, dass keine “Meinung” zu haben, auch eine Positionierung ist. Kein Handeln bleibt ohne Konsequenz. Objektivität ist ein Konstrukt und wird auch im Journalimus nur als Deckmantel genutzt.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>